Bannberscheid

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Nachlese Volkstrauertag


Dies bedeutete, dass es keine öffentliche Veranstaltung am 15.11. auf dem Friedhof gegeben hat.

Um dennoch diesen wichtigen Gedenktag angemessen zu begehen, legten der Ortsbürgermeister Georg Holl sowie der Ortsbeigeordnete Andreas Goldhausen an diesem Tag vor den Gedenktafeln an der Friedhofshalle im Namen der Ortsgemeinde einen Kranz nieder.

Der Volkstrauertag ist ein kein „einfacher“ Gedenktag; er ist ein Tag, dessen Sinn sich vielen nicht mehr erschließt. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich einige immer stärker ermuntert fühlen (unterstützt durch die Interaktionen in den sozialen Netzwerken und dem Internet), Ihre Meinungen immer vehementer zu vertreten und dabei jegliche Hemmungen verlieren. Der Hass und die Wut, die einem tlw. aus diesen Meinungsäußerungen entgegen schlägt, macht mir Angst. Denn, wie bereits vor vielen tausend Jahren im Talmund (lt. anderen Quellen ein chinesisches Sprichwort) festgeschrieben:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Leider mussten wir in der Vergangenheit wiederholt erleben, dass diesem Gedankengut zu wenig Beachtung geschenkt wurde; die Folgen sind hinlänglich bekannt. Umso wichtiger ist es, an Gedenktagen wie dem Volkstrauertag inne zu halten und an die Hintergründe dieses Tages zu erinnern, diese wieder und immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, damit Geschichte sich eben nicht wiederholt.

 

In diesem Sinne möchte ich nachfolgend einen aufrüttelnden Text des Journalisten Florian Harms (veröffentlicht am 11.11.2020 auf t-online.de) wiedergeben:

„Sie waren junge Burschen, Anfang oder Mitte zwanzig. Viele von ihnen waren noch grün hinter den Ohren, als sie begeistert an die Front fuhren. Die einen wollten es "den Deutschen zeigen", die anderen wollten "die Franzosen verkloppen" und "die Tommys vermöbeln". Sie riefen "auf in den Kampf, mir juckt die Säbelspitze!" und brüsteten sich: "Viel Feind, viel Ehr!" Als sie dann da waren, an der Front, erstarben ihnen die flotten Sprüche auf den Lippen. Dann starben sie selbst. Sie krepierten in Schützengräben und im Matsch der Schlachtäcker. Neuartige Maschinengewehre mähten in einer Minute ganze Kompanien nieder, Gasgranaten vergifteten Menschen und Tiere zuhauf. Jeder sechste französische, jeder siebte deutsche und jeder achte britische Soldat überlebte das Gemetzel nicht, unzählige weitere verloren Arme, Beine, Ohren, Augen, Kiefer. Auf beiden Seiten ließen auch zahlreiche Intellektuelle ihr Leben, so viele junge Dichter, Musiker und Maler starben, bevor sie mit ihrer Kunst statt mit Blei die Welt erobern konnten. Ein einzelnes Leben zählte nichts in diesem Inferno, die Generäle auf beiden Seiten schwadronierten nur vom "Menschenmaterial", das sie in die "Blutmühle" warfen, um den Gegner "auszubluten".

Der 21-jährige Student Gerhard Gürtler aus Breslau diente als Artillerist in Flandern. Er schrieb: "Die Erde bebt und zittert wie ein Stück Sülze, Leuchtkugeln erhellen die Dunkelheit mit ihrem weißen, gelben, grünen und roten Licht und lassen die langen, einsamen Pappelstümpfe unheimliche Schatten werfen. Und wir sitzen zwischen Bergen von Munition, teilweise bis zu den Knien im Wasser, und schießen und schießen, während rings um uns Granate um Granate den lehmigen Boden aufwühlt, unsere Stellung zerfetzt, Bäume ausreißt, das Haus hinter uns dem Erdboden gleichmacht und uns mit nassem Dreck bewirft, so dass wir aussehen, als kämen wir aus dem Moorbad. Das Schlachtfeld ist eigentlich nichts anderes als ein ungeheuerlich großer Friedhof." Der Regisseur Sam Mendes hat den Grabenkrieg in Nordfrankreich in seinem Film "1917" eindrücklich visualisiert, jeder erwachsene Europäer sollte ihn anschauen.

Weiter südlich, in den Vogesen, erhebt sich der Hartmannswillerkopf, ein markanter Aussichtspunkt. Die Elsässer nennen ihn bis heute "Berg des Todes" oder "Menschenfresser". Als ich ein kleiner Junge war, zeigte mir mein Großonkel, in dessen Kopf noch eine Kugel aus einem anderen Krieg steckte, die Überreste des Schlachtfelds: Die französischen und deutschen Schützengräben verliefen zum Teil nur drei Meter voneinander entfernt. Dort kämpften die Soldaten um jeden Zentimeter Boden, viermal wechselte die Anhöhe ihren Besatzer. Irgendwann waren 30.000 Männer totgeschossen, aber der Frontverlauf hatte sich nicht geändert. 

Am Ende kostete der große Krieg fast zehn Millionen Soldaten das Leben. In den beteiligten Staaten Deutschland, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich und Bulgarien auf der einen Seite sowie Frankreich, Großbritannien, Russland, Serbien, Belgien, Italien, Rumänien, Japan und USA auf der anderen starben weitere sieben Millionen Zivilisten. Erster Weltkrieg hat man das Gemetzel erst später genannt, als Deutschland den nächsten globalen Krieg entfesselt hatte.

Es mag sein, dass Sie vieles von dem, was ich Ihnen hier berichte, bereits wissen. Oder Sie wollen es lieber gar nicht so genau wissen. Ich erzähle es Ihnen trotzdem. Wenn ich mich in unserer heutigen Welt umgucke und all die Kriege und Konflikte sehe, den wieder erstarkenden Nationalismus und die Geschichtsvergessenheit vieler Leute, dann denke ich: Wir können gar nicht oft genug daran erinnern, wohin Feindseligkeit, Chauvinismus und Größenwahn führen können. Allerdings gehört zur Geschichte des Infernos auch sein Schluss: Heute vor 102 Jahren endete der Erste Weltkrieg mit dem Waffenstillstand von Compiègne. Weite Regionen Europas lagen in Trümmern, noch Schlimmeres sollte bald folgen, aber an diesem Tag kehrte zeitweise der Frieden ein.“

 

Ihr / Euer Ortsbürgermeister

Georg Holl